Vor 75 Jahren: Feuersturm über Lübeck – Palmarumsnacht 28./29.3.1942

29.03.2017

Vor 75 Jahren wurde Lübeck in der Palmarumsnacht am 28./29. 3. 1942 als erste deutsche Stadt systematisch bombardiert. Es galt als Präzedenzfall für ein Flächenbombardement durch 234 Flugzeuge des britischen Bomber-Commands um dann weitere Bombardierungen größerer deutscher Großstädte vorzunehmen. Verantwortlich war mit Zustimmung Churchills der britische Luftmarschall Arthur Harris, der später den Spitznamen „The butcher“ für seine brutalen Terrorangriffe erhielt.
Lübeck war entgegen langläufiger Meinung keine Antwort auf Coventry vom November 1940. Dort sollten lediglich die Flugmotorenwerke von Armstrong Siddeley ausgeschaltet werden. Dagegen war die Lübecker Altstadt bereits am 14. 2. 1942 von Harris ausgesucht worden, die sich aufgrund ihrer geschlossenen mittelalterlichen Insellage ideal für die Erprobung von Brandbomben eignete.
In dieser „Nacht des Schreckens“ kamen 320 Lübecker ums Leben, 783 wurden verletzt, 1.468 Gebäude wurden zerstört und 15.000 wurden dadurch obdachlos. Mein Vater, der zu der Zeit in Lübeck  in der unteren Fischergrube wohnte, erlebte den Angriff um 23.18 Uhr folgendermaßen:
Noch am Schreibtisch arbeitend, wurde er durch die Explosion einer Bombe im Hinterhof gegen die Zimmerdecke geschleudert. Das ganze Haus stand in Flammen und er konnte sich nur unter Lebensgefahr aus dem Haus retten. Die Straßen standen in Flammen. Mit den Bordkanonen schossen die Briten auf die Flüchtenden. Nur auf dem Bauche auf heißem Straßenpflaster kriechend, gelang es ihm wie den überlebenden Anwohnern, unter größter Lebensgefahr endlich den Bunker Ecke Untertrave/Engelsgrube zu erreichen. Als der Angriff gegen 2.58 Uhr zu Ende war und er zu seinem Haus zurückkehrte, fand er nur noch eine Ruine vor. Eine stete Erinnerung trug er vom Bombenschock seit dieser Nacht davon. Sein Haar war durch den Schock schneeweiß geworden.
Das ganze Ausmaß der Bombennacht war erst am nächsten Morgen sichtbar: 42 % der Altstadt waren zerstört. Besonders hatte es die großen Kirchen getroffen, die Marienkirche, den Dom und die St. Petri-Kirche, welche total ausgebrannt war, sowie die altehrwürdigen Kaufmannshäuser, darunter das weltberühmte „Buddenbrookhaus“ der Familie Thomas Manns. Thomas Mann schmerzte zwar die Zerstörungen historischer Gebäude, aber für die Verluste der leidgeprüften Lübecker hatte er kein Mitleid. Nach der Bombardierung seiner Vaterstadt  ließ er 1942 von  seinem amerikanischen Exil über BBC in seiner Rede verlauten „…aber ich denke an Coventry -  und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“
Ganze Straßenzüge vor der Marienkirche, zwischen Fisch- und Alfstraße gab es nicht mehr. Von der Sandstraße über den Markt bis zur Alfstraße war noch lange Jahre eine Sichtachse freigeworden. Nicht der kriegswichtige Hafen und die Rüstungsindustrien waren zerstört worden, sondern in erster Linie die Kultur der alten freien Reichs- und Hansestadt, der „Krone der Hanse“.
Der Angriff erfolgte in drei Wellen. Es wurden Stabbrandbomben, Flüssigkeitsbrandbomben, Sprengbomben und Luftminen abgeworfen. Eine Luftverteidigung Lübecks durch nur wenige Flak-Batterien reichte nicht aus, trotz des Verlustes von 12 britischen Bombern. Erschwerend kam hinzu, dass das Löschwasser eingefroren war und die Löschtrupps im Tiefangriff beschossen wurden. Über 80 Feuerwehrleute verloren dabei ihr Leben. Durch den Ausfall der Stromversorgung setzten auch die Fernverbindungen aus.
Der Angriff auf Lübeck Palmarum 1942 war nur der Anfang des alliierten Bombeninfernos bis zum Kriegsende 1945. Einst blühende Kultur- und Handelsstädte wie Dresden, Köln und Pforzheim oder Hafenstädte wie Hamburg und Kiel und hunderte weitere andere Städte mit Tausenden von Toten versanken über Nacht in Schutt und Asche! Für seine erfolgreichen Flächenbombardements erhielt „Bomber-Harris“ noch 1992 ein Denkmal in London. Schreiben deutsche Historiker wie Jörg Friedrich in seinem authentischen Werk „Der Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ von den deutschen Bombenopfern, so wird ihm und vielen anderen Historikern „Relativierung“ vorgeworfen; denn nach linksliberaler Geschichtsauffassung einer political correctness dürfen Deutsche doch nur Täter und nicht Opfer sein.
Manfred Lietzow